Demokratiekultur

05.08.2004

Die Magie des Konflikts (I)

Konflikte - jeder hat sie; niemand will sie. Deshalb können wir Konflikte besser leugnen als lösen. Die allgemeine Haltung ihnen gegenüber ist vergleichbar mit der viktorianischen Einstellung zum Sex: hinnehmen, aber nicht genießen. Ganz anders natürlich Zeitungen, Fernsehnachrichten und Sondersendungen. Sie leben von Konflikten. Ein kurzer Krieg macht halt bessere Schlagzeilen als ein langer Frieden. Anders auch in Firmen: Klatsch und Tratsch über Streit zwischen einzelnen Personen, Abteilungen, ganzen Unternehmensbereichen erhöhen den Unterhaltungswert des Angestelltendaseins (ich weiß, wovon ich spreche: manchmal vermiss ich es).
Jede Verhandlung, jede Zielvereinbarung ist im Kern konfliktär. Jede Veränderung im Unternehmen ist mit Spannungen verbunden. In Projekten und Teams ist Konfliktfreiheit wirklichkeitsfremd. Fusionen, Restrukturierungen und der Change-Management-Aktivismus lassen die Konfliktpotentiale anschwellen. Und je widersprüchlicher, schneller und komplexer die Unternehmensprozesse im globalisierten Hyperwettbewerb werden, um so mehr wird Konfliktkompetenz zu gesuchten Fähigkeit.

Diese Fähigkeit kann mit den folgenden acht moderationserprobten Elementen spielen:

1. Der Konflikt ist die Regel; die Harmonie die Ausnahme. Individualität heißt Differenz. Subjektivität heißt Dissens. Da beide unhintergehbar sind, ist der Konflikt das Normalste und Natürlichste auf der Welt. Er ist die Regel. Harmonie ist die Ausnahme.

Schon auf der Ebene unserer Sprache, die um die Idee des Verstehens herum gebaut ist: Am Anfang war das Wort; gleich danach kam das Missverständnis. Und gleich danach - das missverstehen wollen (dazu später noch einmal). Weil jeder Mensch nun mal ein Unikat ist, weil er anders ist, andere Erfahrungen gemacht hat, auf andere Weise erfolgreich geworden ist, andere Erwartungen, andere Interessen hat. Es ist der Skandal des „Andersseins“, der den Konflikt provoziert. Können wir überhaupt den anderen sehen? Nein, wir sehen eine Differenz – und wird zumeist abgewertet.Das scheint nur auf den ersten Blick trivial. Tatsächlich ist diese Perspektive für viele Menschen grundstürzend – irritierend und befreiend zugleich.

Sie bedeutet aber auch: Harmonie – auch kurzzeitige - muss den Verhältnissen mühsam abgerungen werden.

2. Alle Konflikte sind Eigenwert-Konflikte Konflikte sind Situationen unterschiedlicher Erwartung. Die eigenen Erwartungen, die fremden Erwartungen, die ausgesprochenen, die unausgesprochenen und die uneingestandenen (über die jeweils viele Seiten zu schreiben wären). Konflikte so zu definieren ist nicht richtig oder falsch. Es ist einfach praktisch. Weil sich damit arbeiten lässt.

Erwartungen sind um das Konzept des „besten Selbst“ herum gebaut, verkürzt gesprochen: um den Eigenwert. Dieser Eigenwert ist selbstdefiniert. Es ist die Art und Weise, wie wir von anderen gesehen, anerkannt, behandelt werden wollen. Ein hochsensibles Organ in jedem von uns. Wenn der andere diesen Eigenwert nicht in der von uns erwarteten Weise respektiert, gehen wir reflexhaft in den Widerstand. Ein Kampf um Anerkennung beginnt – in den Unternehmen tobt er, und im September 2001 haben wir einen Vorgeschmack davon erlebt, was implizite Respektlosigkeit gegenüber anderen Kulturen evoziert (was nichts entschuldigt, aber doch erklären kann).

Man tut dem Gegenstand deshalb keine allzu große Gewalt an, wenn man komprimiert: Alle Konflikte sind im Kern Eigenwertkonflikte.Im Persönlichen: Konflikte als Ergebnis zwanghafter Erwartungen. Warum zwanghaft?: Erwartungen, an denen wir festhalten, die für uns nicht zur Wahl stellen, die wir mit „Selbstverständlichkeit“ etikettieren, um sie nicht rechtfertigen zu müssen. Dass der andere nicht auf der Welt ist, um nach unseren Erwartungen zu leben, ist eine reife Erkenntnisleistung – in der Regel braucht man für sie Narben, Falten, angehäuftes Leben.

wird fortgesetzt .... (Dr. Reinhard Sprenger, brand eins 01/04)