Finanzen+Steuern

02.03.2004

Ein Bankier klagt den Kapitalismus an!

(Auszug aus dem Buch Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise aus dem Kopp-Verlag) Langsam, aber unvermeidlich, bricht das alte Finanzwesen unter dem Gewicht der neuzeitlichen Lebensbedingungen und der besseren Erziehung des Volkes zusammen. Je früher es zerfällt, um so besser, um so eher ist der Weg frei für eine bessere, modernere Technik, um so schneller werden sich die Menschen vertragen, und es wird endlich Friede sein auf der Welt.
Vincent Vickers, Leiter der Bank von England, 1910-1919
Vincent Vickers richtete kurz vor seinem Tod besonders scharfe Worte gegen das kapitalistische Finanzsystem: »Lassen Sie uns die Wahrheit erkennen. Das Menschengeschlecht leidet doch nicht unter unvermeidlichen, unabänderlichen Verhältnissen, über die es keine Macht hätte, sondern unter den Auswirkungen jener unehrlichen Einrichtungen, die von Menschen erfunden und vorsätzlich geschaffen wurden.« An diesen schlechten Verhältnissen hat auch die Wissenschaft ihren Anteil: »Diese Fachleute haben hoffnungslos versagt.

Was not tut, das ist eben etwas weniger Wissenschaft und ein wenig mehr gesunder Menschenverstand . Daß die Ursachen der Mißstände einfach sind und von jedem durchschnittlichen Menschen nachvollzogen werden können, be-tonte Vickers ebenfalls: »Soweit wir dazu imstande sind, müssen wir unseren Mitmenschen helfen, das Wichtige zu verstehen. Das können wir unbesorgt tun, denn das, was da mißverstanden werden sollte, wird nicht wesentlich sein, es wird sich verlieren und wieder vergessen werden, während das Richtige daran sich schon durchsetzen wird«. Die Ursachen des Krieges erkannte der Banker ebenfalls in den Verhältnissen und nicht im Wesen des Menschen, wie viele auch heute noch irrtümlich glauben: »Denn wo Zufriedenheit ist, kann es keinen Krieg geben, wo aber Unzufriedenheit ist, da werden auch Krieg und Kriegsgefahr bestehenbleiben«.

Besonders seinen Kollegen, den Bankiers, warf Vickers Inkompetenz und Falschheit vor: Der Ausdruck „Gesunde Finanzen“ ist seinem Wesen nach eine Erfindung der Bankiers und Kreditgeber. Er bedeutet starres Festhalten an überlieferten Verhältnissen ... Zum Nachteil des geldbedürftigen Kreditnehmers begünstigt dies System natürlich den Reichen ... Bei Gefahr jedoch sind diese Vertreter „Gesunder Finanzen“ die ersten im Rettungsboot, sie sind die ersten, die das sinkende Schiff verlassen, aber die letzten, wenn es gilt, Männer für den Dienst an den Rettungspumpen zu stellen. Der Begriff schließt auch die Weigerung in sich ein, zu verstehen, daß das Geld ausschließlich ein Mittel sein sollte, eine gerechte Tauschwirtschaft zu ermöglichen und daß es in Wirklichkeit so etwas wie „Gesunde Finanzen nicht geben kann, solange eben dieser ganze Wirtschaftszustand ungesund ist“.

Dabei ist heute wie damals das Finanzwesen nicht das Hilfsmittel für die Wirtschaft, sondern es ist umgekehrt , daß die gesamten Produktivkräfte nur dazu da sind, dem Kapitalsystem zu dienen: »Die Finanzindustrie, die Börsen-bankiers und die Börse werden durch dieses Auf und Ab der Wirtschaft reich, ja sie sind zum großen Teil sogar auf dieses Wechselspiel der Konjunkturen und die Veränderung des Warenpreisinveaus angewiesen, um daran zu profitie-ren. Die produktive Industrie hingegen kann nur bei stabilem Markt, bei unveränderlichem Preisstand und nur dann auch (gedeihen, wenn heftige Konjunkturschwankungen unmöglich sind«. Das Kapitalwesen hat nach Vickers nur den einzi-gen Willen, die ganze Welt möglichst hoch zu verschulden: Je größer die Verschuldung des Volkes, um so größer ist der Profit der Geldverleiher, und auf dieselbe Weise der Geldmarkt der Welt ... Die Geldverleiher sind zu ihrem Gedeihen fast ausschließlich auf die Verschuldung anderer angewiesen ... Das Schlagwort der Geldverleiher ist stets: „Der da hat, dem wird auch gegeben werden“.

Klar stellte der Leiter der Bank von England heraus, daß die Finanzindustrie völlig unproduktiv ist: »Alle diese Akti-enhändler, diese Börsenmakler und Jobber, diese Geld- und Goldspekulanten, Geldverleiher, Anleihe-Emissionäre, alle diese Banken und Versicherungsgesellschaften schaffen überhaupt nichts. Sie sind die Drohnen unserer Volksge-meinschaft. Sie leben ausschließlich und sind abhängig von dem Honig, den andere sammeln. Sie leben auf Kosten des schaffenden Volkes«.

Die einzige Änderung der Verhältnisse wäre ein neues Geldsystem : »Das Geld muß aufhören zu sein, was es heute ist: ein ständiger Entzündungsherd, ein Hindernis auf dein Wege zum Fortschritt der Weltwirtschaft, eine Behinderung der Glückseligkeit der Menschen und ihres Strebens nach einem dauernden Frieden unter den Völkern . . . Das Wohlbefinden und der Wohlstand des einzelnen Menschen, das Glück der Volksgemeinschaft, die Zufriedenheit des ganzen Volkes und der Friede der Welt sind hauptsächlich, wenn nicht gänzlich und allein, ein Geldproblem«. Einzige Möglichkeit der Lösung wäre es, ein Geld zu schaffen, welches immer in Zirkulation ist und damit nicht als Machtinstrument mißbraucht werden kann.