Sozialpolitik

27.06.2004

Eine historisch vorbildlose Vertrauenskrise

Millionen haben ihr Erspartes verloren, ihren Arbeitsplatz, ihren Zukunftsoptimismus. Gleichzeitig schossen die Managementgehälter durch die Decke, wurde das Ziel einer nachhaltigen Wertsteigerung verfehlt, zerstörte man die Glaubwürdigkeit gegenüber den Mitarbeitern und den Anlegern.
Ein Keil ist zwischen Wirtschaft und Gesellschaft getrieben – und so wird er erklärt: „Die Hauptrolle in dem Drama, das sich gegenwärtig in der Wirtschaft abspielt, wird nicht von Personen besetzt, sondern von einem Konzept, das sich mit der Zeit zu einer Doktrin mit nahezu totalitärem Charakter ausgewachsen hat.“ Oder: „Moralische Entrüstung über maßlos gewordene Vorstände und Aufsichtsräte, über die umgebremste Gier der am Kapitalmarkt agierenden Eliten lenkt die Aufmerksamkeit in die verkehrte Richtung.

“Soso, da haben wir es also. Ein „Konzept“ führt Regie. „Shareholder Value“ heißt es und ist eine Eigengesetzlichkeit. Die armen Manager können nix dazu, sie sind nur Marionetten, haben nur „funktioniert“. Schuld ist „das System“. Seufzendes Achselzucken: „Tja, da kann man nichts machen.

“Denken wir das Argument weiter: Es hieße Manager nicht nur zu überschätzen, sondern auch zu überlasten, wollte man ihnen ein Ausscheren aus der Kommunion mit dem herrschenden Systemdiktat zumuten. Menschliche Freiheit sei ohnehin metaphysisch überspannt und eine zu schwache Adresse, um ihr eine solch zentnerschwere Anklageschrift zuzustellen.

In der Tat erleben wir gegenwärtig den funktionalistischen Freispruch des Individuums durch das System. Die Unternehmen bewegen sich selbstreferenziell innerhalb selbstgezogener Mauern: Spezialisiert, kompetent, legal - aber ohne Überblick. Das Selbstbewusstsein der Manager resultiert geradezu aus der systemlogischen Entgrenzung der Wirtschaft. Sie haben sich heroisch abgekoppelt. Dass ihre Loyalität nicht eigentlich ihrem Volk, ihrem „Nächsten“ gehört, sie sich nicht mehr historisch gewachsenen „Sentimentalitäten“ beugen, sondern den Sachgesetzlichkeiten der Wirtschaft, das macht ihren Berufsstolz aus, ist jedenfalls die Grundlage für ihr Ansehen und ihre Ansprüche. Das Lokale ist das Langweilige. Das Spannende ist das Weltumspannende.

Wie es dazu kam, ist monokausal kaum zu beantworten. Da ist zum einen der Siegeszug der Systemtheorie. Ihr „Sound“ mehr noch als ihre konkreten Denkfiguren haben dazu beigetragen, dass man sich intellektuell abgefedert auf Systemkonformität zurückzieht und eine isolierte Logik für das gesellschaftliche Subsystem Wirtschaft exekutiert. Hinzu kamen die wilden Neunziger, dieses glitzernde, völlig überdrehte Jahrzehnt. Und ein Drittes: Der Zirkus um die sogenannte „Unternehmenskultur“. Viele Firmen sahen sich veranlasst, ideologisch-programmatische Pädagogiken einzuführen. Diese Kulturgestaltungsprojekte sind ihrer Anlage nach hochreduktionistisch: Sie grenzen alternative Weltbilder aus, verkleinern die Möglichkeiten ergebnisoffener Entscheidungsprozesse. Unter dem Diktat veröffentlichter gedanklicher Konsequenz bleibt alle Unschärfe auf der Strecke, wird die Unternehmensführung dogmatischen Lenkungsansprüchen unterworfen. Außerhalb (kurzfristiger) ökonomischer Rationalität gibt es dann für das Unternehmen nichts mehr zu holen.

Eine kaum beachtete Neben-„Leistung“ der Systemtheorie ist dabei die Entsatanisierung des Individuums. Sie verlagert die Fremdsteuerung aus den Tiefen der individuellen Triebdynamik in die Tiefen selbstlaufender Systeme. Die alteuropäische Übung, das Böse als egoistische Täterbosheit zu verstehen, wird ersetzt durch das von Florian Rötzer treffend so bezeichnete „Systemböse“. Im Kontinuum zwischen Determinismus und Freiheit liegt der Verweis auf systemische Eigenlogik dann nahe dem Determinismus chemisch-physikalischer Prozesse. Die Zurechenbarkeit kippt ins andere Extrem. Das Paradigma von Reiz-Reaktion, das Heinz von Foerster mit dem Schlagwort von der „trivialen Maschine“ gebannt hat, lebt unverändert fort: es wird lediglich ins Makrokosmotische verschoben. Nun erzeugen Strukturen und Prozesse den Anpassungsdruck. Nicht einmal mehr um ein „dazwischen“ geht es, um das Pendeln zwischen Innen- und Außenreferenz, nein, wir haben den Dieb: Das System ist der Diktator. Auf dem Weg von Freud zu Luhmann gibt es jedenfalls keinen Zwischenstopp.

Die Folge dieser Denk-Bewegung ist das skandalös Neue des Shareholder Value-Konzepts: eben nicht die Gleichzeitigkeit, eben nicht die Balance, sondern die werthierarchische Drehung der Zweck-Mittel-Relation. Wenn in früheren Zeiten Unternehmen Mittel zum Zweck der Befriedigung von Kundenbedürfnissen waren, so sind im Shareholder Value-Konzept die Kunden Mittel zum Zweck der Befriedigung von Unternehmensbedürfnissen. Das Unternehmen mutiert zum Selbstzweck, ist in sich eingekrümmt, weist nicht mehr über sich selbst hinaus.

Schon 1930 wies Siegfried Kracauer (in „Die Angestellten“) darauf hin, dass die Verklärung des Unternehmens zum Selbstzweck letztlich dazu diene, es der Sphäre individueller Ansprüche zu entheben und auf eine schein-objektive Abhängigkeit zu etwas Höherem zu gründen, kurz: partikulare Interessen zu verschleiern. Die da vor allem wären: die durch Aktienoptionen verklammerten Investoren- und Managementinteressen. Das Shareholder Value-Konzept konnte nur deshalb so rasant aufsteigen und jedes vernünftige Maß beiseite räumen, gerade WEIL es der individuellen Entscheidungssphäre enthoben war, weil Mittel und Zweck systemisch in eins fallen.

Halten zu Gnaden: Was Mittel und was Zweck ist, das wird von freiheitsfähigen und insofern verantwortlichen Menschen entschieden, nicht vom „Unternehmen an sich“. Was immer an Subjektüberlastung abzubauen ist – der systemlogische Innozentismus geht zu weit. So wenig ich mit der Dämonisierung des Einzelnen einverstanden bin, so wenig mit seinem systemtheoretischen Freispruch. Schon im Interesse der Manager wäre mir ein solches Entübelungsmanöver zu billig: Ganz so abdankungslüstern sollten wir sie nicht inszenieren, wollen wir letzte Reste an Legitimität für ihre z.T. exorbitanten Gehälter retten. Und mag das Shareholder Value-Konzept auf der individuellen Handlungsebene auch zur Anpassung drängen, keinesfalls ist es alternativvernichtend. Das zeigt schon die schlichte Tatsache, dass 60 Prozent aller deutschen Arbeitsplätze in nicht-börsennotierten Unternehmen zu finden sind.

Man wird einwenden, es sei heroisch-selbstlos und insofern lebensfremd, der als Systemzwang etikettierten Verführung zur Selbstbereicherung zu widerstehen. Einverstanden. Aber entbindet uns das von Verantwortung, die aus der Entscheidung resultiert? Manager handeln nicht mehr, sie verhalten sich nur noch? Was ist mit den vielen Managern, die das Spiel nicht mitgemacht haben? Gab es für sie kein Entrinnen? Ich beharre auf der baren Möglichkeit, anders handeln zu können. Sie reicht für Selbstverantwortung völlig aus. Immer gibt es Handlungsspielräume, die man nutzen kann oder eben nicht.

Was wir wieder finden müssen, ist eine Perspektive des UND, nicht des Entweder-Oder. Es geht um Balancen, um das Austarieren von Angemessenheiten, um Interessenausgleich. Wir müssen unsere Fähigkeit trainieren, Zirkel auch wieder zu Gunsten von Unterscheidungen aufzubrechen. Und dabei gibt es Schuld und Versagen. Aber nur dann, wenn wir Entscheidungen als Entscheidungen anerkennen. Und dafür werden Manager doch bezahlt, oder? Jeder Manager kann wählen, ob er das Spiel mitspielt, ob er sich systemkonform verhält oder ob er Spielräume nutzt (z.B. keine Aktienoptionspläne einführt, keine Vierteljahresberichte abliefert). Er kann das System – falls es ihm missfällt – vielleicht nicht stürzen, aber doch schwächen, indem er sich nicht-börsennotierten Unternehmen zuwendet. So wie jeder einzelne Bürger Mitverantwortung trägt, wenn er sich als Konsument über Schnäppchen freut, sich aber gleichzeitig ärgert, wenn Arbeit billig wie Dreck wird; oder wenn er blinde Restrukturierungen, Kostensenkungsprogramm und Entlassungen kritisiert, aber an der Börse scharf ist auf den möglichst schnellen Euro.

Die systemtheoretische Gelassenheit kann natürlich meine Anklage wegen unterbliebener Weltverbesserung nur belächeln. In Beraterkreisen ist es chic geworden, Managementfragen am Kältepol schuldasketischer Willkürlosigkeit zu diskutieren, besser: lakonisch zu betrachten. Diskutierende Hitzeentwicklung ist einfach uncool. Es fragt sich aber, wie lange wir cool bleiben können. Denn die freiwillige Selbstentmündigung der Manager, die Befehlsnotstands-Geste, die systemtheoretischen Opfer-Rhetorik vergiftet die Atmosphäre. Weil sie die Ökonomie „für das ganze Haus“ mit Füssen tritt. Weil sie einen Keil treibt zwischen Management und Mitarbeiterschaft, zwischen Unternehmen und Kommunen, zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Weil sie Wirtschaft als die Organisation des Füreinander-tätig-Seins inhaltlich entkernt. Weil sie als illegitim, unmoralisch und unausgewogen erlebt wird. Und das kostet zunächst Image, dann Motivation, dann Geld. Es ist ein Irrtum zu glauben, Wirtschaft und Gesellschaft ließen sich heroisch entkoppeln. Irgendwann werden die Leute eine Wirtschaft hassen, die sich ihnen so mitteilt. (Dr. Reinhard Sprenger, brand eins 09/03)