Sozialpolitik

26.11.2004

Instrumentelle Unmenschlichkeit

„Wenig Vernunftbegabte, viele Schwererziehbare da draußen!“ Das ist das Menschenbild vieler betrieblicher Zentralinstanzen. „Die da draußen wissen nicht, was sie brauchen und was gut für sie ist; deshalb brauchen wir geeignete Werkzeuge, die das gewünschte Verhalten erzwingen.“ Schnell ist die Metapher des „Werkzeugkastens“ zur Hand, in den man einen bunten Strauß diverser Instrumente hineinzutun gedenke. So sollen die Menschen an einem zuvor definierten Soll ausgerichtet werden.
Mit Werkzeugen aber bearbeitet man nicht nur das zu Verändernde, man hält es auch von sich fern. Manches will man ja auch nur „mit der Zange anfassen“. Wer sich also das Individuelle nicht zumuten will, wer keinen Mut zur Auseinandersetzung hat, der greift zum Instrument. Instrumente sind daher vor allem eines: Ersatz für Kontakt auf Augenhöhe. Deshalb ruft schwache Führung nach immer neuen Systemen. Zwischen sich und dem Mitarbeiter etwas zu stellen, das fernhält, hinter dem man sich verstecken kann, das quasiautomatisch die Beziehung als eine instrumentelle definiert. Ein ganzer Kasten davon: Leistungsbeurteilungen, Personalentwicklungs-Programme, ISO-Auditierungen, 360-Grad-Feedback, Benchmarking, Zielvereinbarungen, Berater und viele mehr. Eine Trennungsintelligenz, die ein System der Aushilfen für zukunftsfähig hält.

Aber die Instrumente halten nicht nur fern, sie erzeugen auch Realität. Sie erschaffen Wirklichkeiten, an denen sich die Menschen orientieren. Sie lenken ab von der Außenwelt, dem Markt, dem Wettbewerb, dem Kunden, und schaffen eine „innen“ definierte Wirklichkeit, die aus Systemen und Instrumenten besteht. Sie machen Führung „technisch“. Sie repräsentieren Organisation. Entsprechend laden sie den Mitarbeiter nicht dazu ein, an sich selbst zu glauben und so selbst-vertrauend sich nach außen zu wenden, sondern an die Organisation zu glauben. Instrumente wirken normend, normierend und normalisierend. Mit ihnen wird immer auch ein weiteres kleines Stück Gleichheit produziert. Von Freiheit hingegen, die das Neue freisetzte, wird nur geredet. Verwirklicht würde sie Unterschiede und Ungleichheit erzeugen.

Wer solchermaßen skeptisch auf Führungsinstrumente blickt, wer sich gegen das Vorgestanzte, gegen das Totalitäre stemmt, der erhält die immer gleiche Reaktion: „Instrumente sind Krücken. Sie helfen beim Laufenlernen. Später können wir sie dann immer noch wegwerfen.“ Stimmt das? Wird auch das Verhalten erzielt, was das Instrument einzuüben vorgibt?

Der GLOBE-Forschungsverbund untersucht seit Jahren das Führungsverständnis in 62 Ländern und korreliert es mit ihrer volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Nach dessen Befunden ist die Aufgabenorientierung deutscher Führungskräfte vorbildlich. Hingegen belegt Deutschland bei der Humanorientierung der Führungskräfte den vorletzten Platz. Fairness, Fürsorge, Höflichkeit und Großzügigkeit seien bei deutschen Führungskräften dramatisch unterentwickelt. Das korreliert mit der Erfahrung vieler ausländischer Manager, die in deutschen Betrieben gearbeitet haben: Unisono berichten sie von menschlich kalten Beziehungen, respektlosen Umgangsformen und einer verletzenden Direktheit. Gleichzeitig aber sagt uns der Human Developement Index der UN, dass Deutschland mit Blick auf eine technisch realisierte Humanorientierung (Mitbestimmung, Kündigungsschutz, Führungsinstrumente) im Vergleich der größten Volkswirtschaften einen der vordersten Plätze einnimmt.

Ein Widerspruch? Was gilt? Keine Menschlichkeit oder zuviel Menschlichkeit? Nein, kein Widerspruch, sondern Kausalität. Das eine folgt aus dem anderen. Denn das scheinbare Paradox einer hohen institutionalisierten und gleichzeitig geringen interpersonalen Menschlichkeit löst sich auf, wenn man die Wirkungen betrachtet. Mitarbeiterorientierung ist in Deutschland zu einer Sache der Instrumente geworden. Wir haben das Humane institutionalisiert. An Führungssysteme abgetreten. Und damit abgeschafft. Die Fähigkeit, Menschlichkeit im direkten Umgang täglich zu leben, haben wir durch unseren instrumentellen Scharfsinn verloren oder gar nicht erst entwickelt. Wir haben vergessen, dass ein vorbereitetes Gespräch keines mehr ist. Wir haben vergessen, dass Instrumente strukturelle Einladungen zur Verantwortungsverschiebung sind. Wir haben vergessen, dass Leistungsbeurteilungssysteme dazu einladen, eben nicht zeitnah Schwachleistung zu konfrontieren. Und für Personalentwicklung haben wir eine Abteilung, für Qualität einen Beauftragten und für Service eine Hotline.

Das Selbstverantwortliche, das Freiheitliche, das Spontane, das war den Deutschen schon immer viel zu „unordentlich“. Zu wenig systematisch, berechenbar und einklagbar. Das Individuelle gegenüber dem Anderen, das haben wir an Institutionen abgegeben. Entsprechend sind die Beziehungen: entpersönlicht, entfremdet und ohne Wärme. Das Instrument legt Distanzen zwischen uns. Nicht mehr der Einzelne ist berührt und ist entsprechend gefordert, sondern der Selbstlauf der Systeme. Verlernt haben wir dadurch das Wichtigste: Die Begegnung.

Instrumente erzeugen mithin das gerade Gegenteil dessen, was sie zu erzeugen vorgeben. Sie verhindern das, was alle wollen: Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Innovation, kurz das, was nur ein Einzelner hervorbringen kann. Unter der Hand wandeln sich daher viele Instrumente der ernstgemeinten Partizipation in Hilfsmittel der Unterdrückung.

Führung will in der Regel nur das Beste: Defizite ausgleichen, helfen, vorbereiten. In ihrer instrumentellen Form formatiert sie das Verhalten der Menschen so, dass am Schluss alle Selbstverantwortung, alle Individualität und mit ihr alle Menschlichkeit verloren geht. Entmenschlichung ist das große Ungedachte, von dem man die Augen abwendet.

Eine Frage des Vertrauens: Vertrauen in das Individuelle oder Vertrauen in das Kollektive? Was wir vom Vertrauen in das Kollektiv zu erwarten haben, wissen wir. Wie wäre es mit mehr Vertrauen in den einzelnen? Und glauben Sie nicht, man könnte „erst einmal“, gleichsam „übergangsweise“ an den Instrumenten festhalten. Es ist wie bei einer Knochenfraktur: Die Schiene fixiert eben auch die grundsätzliche Fehlhaltung.

(Dr. Reinhard Sprenger im Handelsblatt 13.11.04)