Wirtschaft

31.03.2004

Unternehmenskultur (Der parasitäre Konzern)

Shareholder Value und der Abschied von gesellschaftlicher Verantwortung

Autor: Lawrence E. Mitchell erschienen im Riemann Verlag München 2002, 415 Seiten
Hardcover € 21,90

Eine Rezension von Roland Detsch
Während die Spitzen der Wirtschaft hierzulande noch neidvoll auf die himmlischen Renditen und göttlichen Saläre ihrer Kollegen in den USA blicken und von den unternehmerischen Freiheiten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schwärmen, sehnt man sich dort viel eher nach den europäischen „Sozialdemokratien“. Nicht nur die Underdogs und rechtlosen Arbeiter, sondern neuerdings auch so mancher vermeintliche Optionsaktienmillionär, der nach den Crashs im Gefolge von Bilanzfälschungsskandalen und Mega-Insolvenzen unvermutet einem Lebensabend am Bettelstab statt im Luxus entgegen sieht.

Lange bevor die Bush-Administration reagierte und zum Kreuzzug gegen die grassierende Unmoral in der Wirtschaft blies, hat der an der George Washington Universität lehrende Rechts- und Finanzwissenschaftler Lawrence E. Mitchell dieses Phänomen problematisiert. In seinem Buch mit dem viel pointierteren Originaltitel Corporate Irresponsibility macht er die rücksichtslose Maximierung des Shareholder Value als Grundübel der amerikanischen Gesellschaft dingfest. Nicht nur, dass das unablässige Streben börsennotierter Unternehmen nach dem schnellen Profit eine Fülle destruktiver Begleiterscheinungen wie Massenentlassungen, Produktmängel, Umweltzerstörung zeitigten. Der Experte für Unternehmens- und Verwaltungsrecht, der die heimische Unternehmenskultur philosophisch wie juristisch und ihren globalen Dimensionen durchmisst, sieht in der ständigen Komplizenschaft der in dieser Maschinerie zur Mitarbeit verurteilten Menschen eine wesentliche Ursache für das zur Selbstsucht pervertierte Ethos des Individualismus in den USA. Er vergleicht das mit allen verfassungsmäßigen Rechten natürlicher Personen ausgestattete, aber nur beschränkt haftbar zu machende amerikanische Unternehmen mit einem außer Kontrolle geratenen Golem, der die Menschen beseelt und nicht umgekehrt.

Mitchell fordert die sofortige Befreiung der in einer Jekyll-Hyde-Schizophrenie gefangenen Manager von den strukturellen Diktaten der Aktien- und Kapitalmärkte sowie den kulturellen Zwängen der Wohlstandsmaximierung, damit sie ihre Aufgaben endlich sozialverträglich und moralisch einwandfrei wahrnehmen könnten. Ein bemerkenswertes Buch, das vor allem jenen zu denken geben müsste, die wirtschafts- und sozialpolitisch allzu gerne mit amerikanischen Verhältnissen liebäugeln.