Wirtschaft

05.08.2004

Wissenschaftler als Berater

Weil die Menschen den Politikern nicht vertrauen, diese sich selbst nicht vertrauen, deshalb gibt es die Hartz-, Rürup-, Herzog-Kommission, die Expertenkommission Corporate Governance, den Ethikrat und dergleichen mehr.

Weil die Menschen den Unternehmensführern nicht vertrauen, diese sich selbst nicht vertrauen, deshalb gibt es fast nur noch beratergestützte Entscheidungen. Und da die Dinge komplex sind und die Welt unübersichtlich, wir nicht wissen können, welches Wissen instrumentell erfolgreich ist, deshalb wird der „Wahrheitsbeweis“ gefordert. Den kann nur die Wissenschaft liefern. Was liegt also näher, als die All-in-one-Ausgabe zu holen: Hochschulprofessoren - Berater und Wissenschaftler in einem.
Interessen kommen sich da entgegen: Die Wirtschaft will möglichst direkten Zugang auf die Forschungsleistungen der Universitäten. Umgekehrt wollen die Universitäten den wirtschaftlichen Wert des von ihnen generierten Wissens nutzen: Die Zahl der an Universitäten angehängten Beratungsinstitute explodiert förmlich. Das verschiebt die Grenzen der Wirtschaft in die Universitäten hinein und die Grenzen der Universitäten in die Wirtschaft. Die Akademie wird ökonomisiert, die Ökonomie akademisiert (Peter Weingart).

Das ist nicht ohne Tücken. Zunächst für die Akademie: Die Rolle wissenschaftlicher Experten wird mit Offenheit der Kommunikation, Neutralität und Glaubwürdigkeit identifiziert. Für sie steht also viel auf dem Spiel. Wenn Wissen aber zur Ware wird, gerät es unter die Bedingungen von Markt, Kapital und eigenen Verwertungsinteressen. Jedes Unternehmen möchte möglichst exklusiven Zugang zu wissenschaftlichem Wissen, um sich dadurch Konkurrenzvorteile zu beschaffen. Damit entfernt sich die Universität von ihrer traditionellen Rolle, Wissen als moralische und kulturelle gesellschaftliche Kraft zu schützen - und es allen verfügbar zu machen. An die Stelle einer allgemeinen öffentlichen Verfügbarkeit von Wissen treten Eigentumsrechte. Mit den logischen Verhaltensweisen Geheimhaltung und taktischer Verwendung. Das bedeutet: Entweder verletzt der professorale Berater das eine oder das andere Normensystem.

Zudem ergeben sich Folgen für die Verlässlichkeit wissenschaftlichen Wissens:
1. Wissenschaftler steigern die Komplexität ihrer Methoden und Theorien ständig; das ist das Wesen dieses gesellschaftlichen Teilsystems. Berater tun das Gegenteil. Sie verzichten konsequent auf jede Theorie und reduzieren Komplexität mit Hilfe einfacher Einnahmen. Probleme werden auf einen einzigen Schlüsselfaktor heruntergebrochen und mit Erfolgsbeispielen untermauert. Die außerhalb der Wissenschaft etablierten Wissensansprüche sind nicht „Wahrheitsansprüche“, sondern solche der Geltung. Diese unterkomplexe Pragmatik ist mit wissenschaftlichem Ethos selten vereinbar. Wenn der wissenschaftliche Berater also nicht Teil der Lösung sind, dann kann er viel Geld verdienen, wenn er das Problem verlängert.
2. Wirtschaftliche Interessen können sich negativ auf die Kritikfähigkeit der Forscher auswirken. Forschungsdaten, die ihren Berater-Interessen entgegen stehen, werden nicht publiziert oder popularisiert; unangenehme Fragen werden nicht gestellt, Spät- und Nebenwirkungen ausgeblendet, Widersprüchliches geglättet. Da wird schon mal mit Bauchschmerzen „ja“ gesagt, obwohl wissenschaftlicher Ethos ein klares „nein“ nahegelegt hätte. Ein Beispiel: Die New York Times vom 28.04.1998 berichtet, dass die interessierte Industrie fünf Millionen Dollar für wissenschaftliche Experten bereit gestellt habe, die die Ergebnisse der Klimaforschung kritisieren könnten.

Aber fordern wir nicht alle größere Praxisnähe der Forschung? Stärkere Anwendungsorientierung? Bessere Verständlichkeit? Und wo ist die Grenze zwischen kommerziell und nicht-kommerziell? Ist sie überhaupt noch existent? Welche Schwierigkeiten diese Grenzverschiebung mit sich bringt, kann man an dem Gesetzentwurf zum „Urheberrecht in der Informationsgesellschaft“ ablesen. Danach dürfen Hochschulen Fachbücher ohne Genehmigung der Rechteinhaber scannen, in ihre Intranets stellen und in Papierform vervielfältigen. Nicht-kommerziellen Versanddiensten würde erlaubt, geschützte Werke genehmigungsfrei zu digitalisieren und elektronisch zu versenden. Nichts spricht dagegen, Hochschulen günstigere Preise anzubieten als den zahlungskräftigeren Unternehmen. Wenn aber Hochschullehrer, die gleichzeitig Berater der Wirtschaft sind, die Grenze des Kommerziellen immer weiter in die Hochschulen hinein verlagern, kommt das einer Enteignung der Urheber gleich.

Der Verlust der sozialen Distanz hat aber auch Folgen für das Management. Wenn wissenschaftlichem Wissen Autorität als Problemlösungsinstanz zugeschrieben wird, dann erhalten unternehmensfremde Experten einen bestimmenden Einfluss auf unternehmerische Sachentscheidungen. Werden Entscheidungen dadurch leichter? Wohl kaum. Die Kartierung systematischen Wissens erzeugt auch mehr Nicht-Wissen, das heißt Wissen darüber, was noch unbekannt ist oder sogar gar nicht gewusst werden kann. Informationen machen Entscheidungen nicht leichter, sondern schwieriger. Denn in der Wissenschaft passiert ja nichts Besonderes; nur Intellektuelle glauben, die Welt besser zu sehen als alle anderen. Werden Entscheidungen dadurch legitimer? Im Gegenteil: Der Vorteil einer fragwürdigen Entscheidungssicherheit wird mit interner Delegitimierung bezahlt. Die Mitarbeiter verlieren den direkten Kontakt zu ihrer Führung, weil nun eine unternehmensexterne Ebene zwischengeschaltet ist. Damit wird auch die kollektive Identität bedroht: In wessen Namen wird da entschieden? Wie sollen Fremde berücksichtigen, was es hier für Besonderheiten gibt, Lebenswertes? Auf der Strecke bleibt die ursprüngliche Autorität des Managements, das Richtige und Vernünftige zu vertreten. Wichtiger noch: Die Durchdringung aller Lebensbereiche mit wissenschaftlichem Wissen verdrängt andere Wissensformen – z.B. Erfahrungswissen – und mit ihm die erfahrungsgesättigte Weigerung, alle Dinge durch Berechnen beherrschen zu können.

Eine Konkurrenz um Vertrauen: Der anschwellende Zugriff des Managements auf wissenschaftliche Expertise als Legimitationsressource involviert die Wissenschaft in einer Weise, dass sich die Frage stellt, wie kann Vertrauen in gesichertes Wissen hergestellt werden? Im Kern geht es also nicht um die Kompatibilität von wissenschaftlichem Ethos und Profitinteressen, sondern um die Glaubwürdigkeit von Wahrheitsbehauptungen einerseits (und das Vertrauen, das in sie gesetzt wird) und Wettbewerbsvorteilen andererseits. Vertrauen in gesichertes Wissen resultiert aus der Trennung der Systeme. Aus dem normativen Unterschied. Aus der Interesselosigkeit. Nur soziale Distanz schafft Vertrauen.

(Dr. Reinhard Sprenger, Handelsblatt 02/04)